Eigentlich hätte ich früher und sollte es heute auch, Situationen, die ich versucht habe anzusprechen oder zu klären, wie in Teil III beschreiben, einfach stehen lassen können. Das habe ich sicher auch sehr oft getan. Sonst kommt man nicht weiter und die Zeit bleibt ja nicht stehen. Irgendwann und oft auch schnell war ich über ungeklärte Situationen ja auch hinweg, so wie es wohl den meisten Menschen geht. “Etwas so stehen lassen” wäre also gelegentlich genau richtig. Ich kann aber nicht auf jede noch so kleine Situation, Gelegenheit verzichten, weil ich sonst kaum etwas im Alltag habe, was mir Ausgleich, Motivation und Rückhalt fürs Leben gibt. Es ist dringend notwenig, dass Leute meine Selbstsicherheit und Erwachsenheit bemerken. Theoretisch hab ichs längst begriffen, und 2010 so deutlich, aber praktisch versage ich zu oft, weil ich zuviel denke (Knoten im Gehirn), weil es mir zu schnell geht (“die Langsamen”) oder weil ich zu verblüfft bin durch Reaktionen von anderen an meiner Stelle (zu leicht ablenkbar, was sich andere oft Zunutze machen).
Heute habe ich dazu gelernt und durch die “spezielle” Ergotherapie mit der fachkundigen Therapeutin und Feldenkraislehrerin zeigen sich kleine Fortschritte. Ganz rückgängig machen kann man die Folgen der Umgeschulten Linkshändigkeit nicht, vorallem nicht in meinem Alter mit 50. Dies kann nur abgemildert werden. Heute achtet man ja bei Kindern schon spätestens mit 3 oder 4 auf die Händigkeit und läßt diese in der Schule und im Beruf so wie sie ist. Linkshändigkeit ist anerkannt, Umgeschulte Linkshändigkeit nach wie vor unbekannt (vorallem mögliche Folgen und Symthome nicht mal von Fachleuten ernst genommen) und wurde wohl in den vergangenen Jahrzehnten so gut wie totgeschwiegen. Aber irgendetwas muss in den späten 50ern und in den 60ern des vergangenen Jahrhunderts die Leute dazu bewegt haben mit dem Umschulen auf Rechts aufzuhören, obwohl es keinerlei Forschung damals gab über das Gehirn bzw. über Folgen und Auswirkungen, die durch die Änderung der Händigkeit entstehen können.
Auch hat man damals wohl nie solche Folgen mit der Händigkeit in Zusammenhang gebracht. Unbeholfene, verzögerte Menschen wie ich (damals und gemeint hier verzögert in Antworten, Reaktionen, Arbeit und Aufbau von Beziehungen und Erwachsenenleben), hat man einfach als “langsam” bezeichnet. Das war als Kind und Jugendlicher für mich ein Ausdruck, in den die Erwachsenen eingeweiht waren. Die Erwachsenen wußten insgeheim, was mit “langsam” gemeint war. Leider rückte man dadurch oft in die Nähe des Dorfdeppen (wieder mit dem deutlichen Hinweis, dass ich solchen Menschen nicht zu nahe treten will; oft waren damit solche gemeint, die nicht ganz so intelligent waren und ewige Singles waren).
Nun endlich zu den Beispielen. Leider habe ich von diesem Jahr fast nur Beispiele aus dem Erleben in der Tagestätte für psychisch Behinderte in Erinnerung.
In 2009 kam dort ein älterer Mann als neuer Besucher. Ihm gegenüber habe ich von Anfang an versäumt zu sagen, wie er auf mich wirkt. Mich mitzuteilen habe ich versäumt: dass er andere beleidigt, dass er mich missachtet, dass er mich über andere in der 3. Person anspricht und dies lassen soll (“Was hat er jetzt gemeint?”, “Warum sagt er das?”) anstatt, dass er mich persönlich und direkt anspricht und frägt. Und Hinweise auf sein Verhalten und zum Teil diskriminierende Äußerungen habe ich versäumt. Was nicht heisst, dass ich ihn ständig kritisieren wollte. Aber es war auf jeden Fall berechtigt, wenn er in der 3. Person über mich sprach und andere verletzte.
Von den anderen kam aber auch nur ganz selten Reaktion dem Mann gegenüber. Diese hatte ich aber eigentlich viel ehr als sehr selbstsicher eingeschätzt und vermisste daher ihre Reaktionen als Vorbild für mich, mich auch zu trauen, vorallem, wenn jemand beleidigt wurde, Kraftausdrücke kamen oder, wenn ich persönlich verletzt wurde.
Das habe ich wie gesagt von Anfang an versäumt. Anstatt aber neutral und höflich zu bleiben gegenüber dem schwierigen Herrn, missachtete ich ihn und grüßte ihn nicht mehr und entwickelte eine große Wut und Abneigung ihm gegenüber.
Ausserdem stand ich mit meinem Zögern schon wieder allzuhäufig den anderen gegenüber als der Unsichere, Unbeholfene und Nichterwachsene.
In anderen Fällen hat eine Besucherin immer oft für mich selbstsicher reagiert und eingefriffen, weil ich nichts sagte. Vermeintlich wollte sie mir gutgemeint helfen und ist mir in Situationen oft beigesprungen. Dazu habe ich auch viel zu lange nichts gesagt. Einmal saßen wir zu mehreren zusammen am Tisch der Tagesgruppe. Die Leiterin stellte mir ein paar Kekse hin, aber eigentlich waren diese Kekse für alle. Da wollte der oben besagte Herr zugreifen. Sofort hat die Besucherin ihm auf die Finger geschlagen und ihn belehrt die Kekse seinen für mich. Ich war ganz ruhig und habe den Mann wollen zugreifen lassen. Zu ihm (der mir unangenehm und fast verhasst war) wollte ich also nichts sagen. Nur die Besucherin dachte ich hätte was dagegen, dass er Kekse nimmt und hat an meiner Stelle reagiert. An meiner Stelle wäre nun gewesen der Besucherin zu sagen: “Danke für deine Hilfe, du meinst es gut. Aber ich kann mir selbst helfen”.
Als ich dann im Sommer 10 endlich sehr viel begriffen hatte und viel in einer Beratung dazugelernt hatte, war es zu spät. Die Leitung der Tagestätte und auch einige Besucher inzwischen hatten ihm verschiedenes eingeschäft und sich selbstsicher ihm gegenüber behauptet. Da fühlte ich mich sehr um die Chance betrogen endlich bei vielen Gelegenheiten jemand selbstsicher und sozial kompetent zu begegnen. Prompt im dem Monment, als ich verstand worauf es ankommt, hat man mir diese Möglichkeiten weggenommen. So empfand ich das und war sehr deprimiert, weil man wieder nicht merkt, dass ich es endlich begriffen hatte.
Wenn ich anderen sage, wie ihr Verhalten auf mich wirkt, gebe ich ihnen die Möglichkeit sich zu ändern.
Wenn ich meine eigenen Rechte häufig nicht wahrnehme, gebe ich anderen die Möglichkeit mich zu manipulieren.
Neulich hat jemand in der Gruppe was gesagt. Es war aber zu ausführlich und kam nicht auf den Punkt. Ich dachte mir blos: “Was will er damit sagen?”. Anstatt dies aus zu sprechen. Ich wollte ihm sagen “Was willst du damit sagen? Komme bitte zu dem Wesentlichen!”. Ich wollte aber nicht schlauer sein als andere und der Leiterin nicht vorgreifen. Kaum hatte ich gedacht, dass es eigentlich die Aufgabe der Leiterin sei, ihm zu sagen er solle auf den Punkt kommen (also 2 Sekunden nach meiner Eingebung “was will er eigentlich sagen?”) da sagte die Leiterin genau die selben Worte “Was wollen Sie damit sagen. Kommen Sie bitte zum Wesentlichen”.
Es ist allerhöchste Zeit, dass die Leute in meiner Umgebung mal 3 oder 4 Mal hintereinander mitbekommen, dass ich selbstsicher hinstehe. Dann würde ihnen auch hängen bleiben, dass ich auch selbstsicher , sozial kompetent und Erwachsen bin. Dann würden sie sich auch nicht mehr so bei mir einmischen und keiner mehr gutgemeint mir beispringen, um mir vermeintlich zu helfen (mir aber nur damit schaden).
So das soll genügen. Denn noch ausführlicher wird nur unverständlich und zu lang.
Auch, wenn ich beginne mich zu ändern, reagieren zunächst die Umgebung in ihr gewohnter Weise. Das macht mich gleich wieder sehr demotiviert. Das habe ich schon vor 10, 15 Jahren gemerkt, dass sie dann immer noch nicht merken, dass ich mich ändere und meine sonstigen positiven Eigenheiten und Fähigkeiten nicht sehen. Und damals schon genau den folgenden Satz bereits gefolgert habe —-> siehe Zitat:
Vielleicht nur noch ein Zitat aus “Umgeschulte Linkshänder – oder der Knoten im Gehirn”:
“Man kann übrigens, was jedem Therapeuten bekannt ist, oft Zeuge sein, dass auch, wenn es zu Änderungen im Verhalten eines Menschen kommt – seine Umwelt sie aber nicht als solche registriert und sich nicht darauf einstellt, sondern nach früheren Modellen verhält – sich die ursprüngliche Problematik wieder zurück induziert, und nach einer gewissen Zeit geht seine individuelle Verhaltensänderung verloren, und es bleibt alles beim Alten.”
MatthiasH